Magic Moments im Harz

Wenn mich vorher jemand gefragt hätte, wann ich einen „Magic Moment“ am Harz erlebe, hätte ich vermutlich „den Zieleinlauf“ oder „das Überschreiten der Marathonmarke“ oder auch „Loslaufen im Ziel“ gesagt. Das waren alles durchaus sehr besondere Momente, aber einen echten magischen Moment hatte ich an einer ganz anderen Stelle: dem Poppenberg.

Der Poppenberg ist der höchste Berg (600,6 m ü. NHN) auf der insgesamt 51 km langen Strecke quer durch den Harz – es geht erst 3 km steil 300 Höhenmeter berghoch und anschließend ca. 4 km steil ca. 320 Höhenmeter bergab. Vor diesem Teilstück hatte ich vorher schon echt Respekt – zumal man an dieser Stelle bereits 36 Lauf-km in den Knochen hat. Somit habe ich mir im Vorfeld bereits visualisiert wie ich diesen Berg rauf und wieder runter komme. Ich habe mir vorgestellt, wie ich auf der einen Seite locker und leicht raufkomme und auf der anderen Seite locker herunterlaufe. Warum sollte ein Berg auch schmerzhaft und anstrengend sein? Da ich den Tag zuvor noch in meinem neuen Buch „Mentaltraining für Läufer“ von Michele Ufer (sehr empfehlenswert übrigens!) gelesen habe, hat mich das ebenfalls bestärkt, im Vorfeld so an diesen Berg heranzugehen.

Ich hatte vorher schon mit meinem Laufkumpel Jörg verabredet, dass ich am Berg Musik hören wollte und eher für mich laufen wollte. Da er direkt zu Beginn einen anderen Läufer getroffen hat, war das für uns beide total passend. So stand ich also unten am Poppenberg. Ich habe ein paar Mal tief eingeatmet und Energie aufgenommen (ein Hoch auf die Yogaatmung :-)), dann gab es Musik auf die Ohren und los ging es. Berg rauf bin ich gewandert – nicht gelaufen. Bei der Musik hatte ich mich für Unheilig entschieden, weil die sehr schöne und passende Texte habe. Gestartet bin ich dann auch mit dem Titel „Der Berg“.

Lass uns gemeinsam träumen
auf den Gipfel hochzugehen
und lass uns fest dran glauben,
einmal dort oben zu stehen

Ohja. Wie oft hatte ich vorher davon geträumt die Harzquerung mit dem Poppenberg zu laufen. Und ich habe fest daran geglaubt, dass ich es schaffe. Die Harzquerung ist mein erster Ultralauf – knapp 7 Monate nach meinem ersten Marathon. Ich hatte wirklich Respekt. Der Einstieg ins Ultralaufen geht bei den meisten über einen 6-h-Lauf. Da ich im März beim geplanten 6-h-Lauf in Rheine aber krank war, gab es vorher keine Gelegenheit mehr für mich, also sollte es wohl die Harzquerung werden und es fühlte sich auch im Vorhinein schon sehr gut an. Ich war vor vielen Jahren mal im Himalaya unterwegs und habe dort den Patalsu bestiegen – der liegt auf 4.400 m ü. NHN – also ein kleines bisschen höher ;-). Damals natürlich wandernd und nicht laufend. Doch alleine das Wissen, dass ich das geschafft habe, gab mir genug Schub auch die Harzquerung zu schaffen.

„Lass uns die Freiheit spüren,
mit jedem Schritt, den wir gehen
und lass uns das erleben,
einmal dort oben zu stehen.“

Und genau so bin ich es angegangen. Ich bin einen Schritt nach dem anderen gegangen. Mein Sohn Bjarne hatte mir vorher mal gesagt: „Mama, du kannst doch jede Strecke laufen, die du willst. Du brauchst einfach nur einen Schritt nach dem anderen machen und dann schaffst du jede Strecke“. Daran habe ich gedacht, als ich den Berg hoch gegangen bin. Ich stelle mir dabei vor, wie der Berg unter mir wegrollt – also quasi wie eine Rolltreppe – und ich dadurch vom Berg hochgeschoben werden. Ich gehe also gar nicht selber. 😉 Und so fühlte es sich auch tatsächlich an. Ich bin in einen superguten Gehrhythmus reingekommen, der mich den Berg hochgezogen hat. Es gab auch nur noch mich, den Berg und die Natur. Alle anderen Läufer habe ich ausgeblendet – ich habe auch einige überholt. Das habe ich aber nur am Rande mitbekommen und es war mir auch nicht wichtig. Ich wollte einfach für mich diesen Berg hochkommen.

„Lass uns die Angst besiegen,
mit jedem Schritt, den wir gehen
Lass uns füreinander da sein
und nicht mehr zurücksehen

Während des Laufens denke ich auch oft an meinen kleinen Sohn, der aufgrund seiner Behinderung nicht laufen kann. Er ist auf meinem Laufshirt und natürlich in meinem Herzen immer dabei. Julian hatte eine von Ärzten prognostizierte Lebenserwartung von ca. 1 Jahr. Er ist jetzt 4,5 Jahre und macht jeden Tag tolle Fortschritte. Wir haben da also eine Menge mitgemacht in den letzten Jahren und unglaublich viel geschafft. Und so lohnt es sich immer wieder, nicht zurück sondern nach vorne zu sehen und immer weiterzugehen.

Ein weiteres Lied war “ Wir sind die Gipfelstürmer“

Wir steigen an, bis wir am Himmel sind
Hoch hinaus, bis zum Wolkenrand der Welt
Wir ziehen los, immer weiter, immer höher
Und immer schneller
Bis zum Himmel um die Welt
Wir sind die Gipfelstürmer

Das war ein absoluter Gänsehautmoment. Ich hatte wirklich Gänsehaut. Das Hochgehen fiel mir so leicht. Ich habe die Lieder leise mitgesungen und wurde weiter hochgezogen. Mittlerweile gab es wunderschöne Ausblicke ins bewaldete Tal hinunter und ich hatte das Gefühl geradewegs in den Himmel zu wandern.

Wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke, kann ich mich auch gar nicht erinnern, dass ich irgendwelche körperlichen Schmerzen hatte. Die ganze Anstrengung von vorher war wie weggeflogen. Es ist wirklich unglaublich.

Und dann gab es noch „Mein Berg“:

„Hab meinen Berg vor Augen
Er ist da, zu jeder Zeit
Ich gehe ihn ständig hoch
Und fühle mich klein

Ich öffne meine Augen
Und sehe so viele wie Mich
Jeder geht seinen Berg hinauf
Und will spüren, dass er wertvoll ist
Ich öffne meine Augen
Und sehe so viele wie dich und mich
Jeder geht seinen Berg hinauf
Und will spüren, dass er nicht alleine ist

Ich denke nach über mein Leben
Heute kann ich Vieles klarer sehen
Ich hatte immer nur den Gipfel vor Augen
Und so viel verpasst auf meinem Weg dorthin

Ständig auf der Suche
nach Anerkennung und Applaus
Nur dann hatte mein Leben einen Wert
Und nur dann hab ich an mich geglaubt

Ab heute will ich vieles ändern und handeln
Sehe meinen Berg und meinen Weg
Ich will nicht nur glücklich am Gipfel sein
Sondern auch auf meinem Weg dorthin“

Ja. Laufen hat sehr viel mit dem Leben gemeinsam.

Oben angekommen, habe ich einen kurzen Getränkestopp eingelegt – Jörg kam auch kurz danach und wir haben das Gipfelfoto gemacht. Auf dem Gipfel selber hat man keine Aussicht – dafür hätten wir noch auf den Aussichtsturm klettern müssen. Mein aktueller Flow und die vielen Treppen haben mich davon abgehalten. So habe ich die Ohrstöpsel wieder reingesteckt und bin mit „Hinunter bis auf Eins“ den Berg runtergeflogen. Es fühlte sich zumindest es so an.

Drei, zwei, eins, los
Ich hab es schon als Kind geglaubt
Und breite meine Flügel aus
Die Schwerkraft wollte ich besiegen
Ich hab geträumt, ich könnte fliegen
Ich bin zum großen Sprung bereit
Und zähl hinunter bis auf Eins
Ich streck sie aus, meine Flügel
Und spring vom höchsten Punkt der Welt
Ich hab geträumt, ich kann fliegen
Und dass der Wind mich einmal trägt
Drei, zwei, eins
Ich schmiede mir ein Fluggerät
Das mich in den Himmel trägt
Ich spür die Zeit, wie sie mich schiebt
Wenn unter mir der Abgrund liegt
Am Gipfelrand im Sonnenschein
Zähl ich hinunter bis auf Eins
Ich streck sie aus, meine Flügel

Wow! Das war ein Wahnsinnsgefühl diesen Berg quasi herunterzufliegen. Ich glaube, von der pace her war ich gar nicht so schnell unterwegs, aber es fühlte sich einfach richtig gut an und hat unfassbar viel Spaß gemacht. Einfach laufen lassen und nicht denken.

Ja, das war wirklich mein „Magic Moment“ im Harz.

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2 Gedanken zu “Magic Moments im Harz

  1. Jörg Vonnahme

    Beim lesen deines Berichts stand ich bums wieder unten am Berg !! Das war die Beste Entscheidung die wir treffen konten . So hat sich jeder auf seine Art dem Berg gestellt !! Toller Bericht

    Gefällt mir

  2. Pingback: 51 km durch den Harz – meiner erster Ultra – Von 21 auf 42,195 km + X

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