Laufende Yogini oder yogische Läuferin?

Eine weitere Leidenschaft von mir ist Yoga. Je nachdem wie häufig ich laufen gehe, findet ihr mich ca. 2-3 Mal in der Woche im Yogastudio: Yoga&Fitness. Ich finde, Yoga ist für mich die ideale Ergänzung zum Laufen und dafür gibt es eine Menge Gründe:

Zunächst stehen dort die körperlichen Ergänzungen. Yoga besteht aus Kräftigungs- und Dehnübungen – also genau die beiden Aspekte, die beim reinen Laufen oft zu kurz kommen. Beginnen wir mal direkt ganz unten bei den Füßen – das wichtigste Werkzeug beim Laufen. Beim Yoga wird die Muskulatur sehr gestärkt. Ich bin davon überzeugt, dass eine gute Fußmuskulatur essentiell fürs Laufen ist und damit vielen Problemen vorgebeugt werden kann. Ich habe in meinen Laufschuhen keine besondere Dämpfung oder Korrekturen. Ehrlich gesagt laufe ich mittlerweile selbst mit meinen ältesten Tretern völlig problemlos. Bis vor wenigen Jahren hatte ich immer Schwierigkeiten mit meinen Füßen: meine Senk- und Spreizfüße ergaben bei jeder Laufbandanalyse im Schuhgeschäft ein sehr gruseliges Bild: Bei jedem Lauf brach mein Fußgewölbe in sich zusammen, was zur Folge hatte, dass mein ganzer Knöchel und damit mein ganzen Bein nach innen abknickte. Knieprobleme waren damit vorprogrammiert und früher hatte ich tatsächlich häufiger damit zu kämpfen, wenn die Dämpfung in meinen Schuhen nachließ. Mittlerweile laufe ich selbst am Ende von langen Läufen immer noch total gerade und ich habe auch tatsächlich keine Probleme an den Gelenken – auch wenn ich 30 km oder mehr über Asphalt laufe. Ein Hoch auf meine Fußmuskulatur und auf die ständigen Korrekturen während der Yogastunden: „Achtet auf eure Fußgewölbe“.

Mein Yogalehrer Michael hat stets besondere Freude daran, Dehnübungen für die Beine ins Programm aufzunehmen – gerne auch mit einem entsprechenden Kommentar in meine Richtung. 😉 Und jaaaa, ich merke es wirklich sehr. Es gibt ein paar sehr, sehr „schöne“ Übungen für die Bein-, Po- und Hüftmuskulatur zum Dehnen und Öffnen. Auch wenn ich in dem Moment ein bisschen vor mich hin schimpfe, merke ich langfristig, wie wichtig dieser Ausgleich ist. Die Muskeln verkürzen sich bei einseitigen Belastungen wie das Laufen sehr stark und dem kann ich so sehr gut entgegen wirken.

Ganz besonders gerne auch beim Yin Yoga. Yin Yoga ist eine Yogaform, bei der bestimmte Stellungen mehrere Minuten gehalten werden. In den lange gehaltenen Stellungen werden neben den Muskeln auch die Sehnen, Bänder und Faszien gelöst. Nach den Stunden habe ich regelmäßig das Gefühl wie auf Wolken zu gehen. Während des Marathon-Trainings war daher Yin Yoga ein wesentlicher Trainingsbaustein im Plan.

Der besonders vernachlässigte Bereich beim Laufen ist der Oberkörper und damit ist es gut, dass beim Yoga die Bauch-, Rücken- und Armmuskulatur gestärkt wird. Regelmäßig beim Laufen spüre ich, wie viel Kraft ich aus dem Oberkörper ziehen kann, wenn die Beine langsam schlapp werden. Eine Konzentration auf die Armbewegungen und auf einen gerade Oberkörper kann da tatsächlich Wunder bewirken.

Doch neben den ganzen körperlichen Vorteilen hilft mir Yoga ganz besonders mental weiter – insgesamt aber eben auch beim Laufen. Yoga ist Anspannung und Entspannung im gleichmäßigen Wechsel. Das entspricht dem Rhythmus beim Laufen. Anspannung im Laufen insbesondere bergauf – Entspannung beim Bergablaufen oder an der Ampel. 😉 Anspannung während des Laufs – Entspannung nach dem Lauf. Beim Yoga in der Entspannung konzentriere ich mich vollständig auf die Entspannung, genieße sie und ich denke nicht darüber nach, dass gleich wieder eine anspannende Übung ansteht. Und ich spüre, dass ich das beim Laufen auch immer mehr mache. Laufe ich einen Berg hinunter, freue ich mich einfach darüber, dass es gerade so gut läuft; oder stehe ich an der Ampel, genieße ich die kleine Pause. Ich mache mir keine Gedanken darüber, dass es gleich weiter geht oder dass der nächste Berg ansteht. Gleiches gilt für die Strecke. Distanz entsteht eh nur im Kopf. Wenn mich die gesamte Strecke überfordert, denke ich über den aktuellen Schritt nach. Kann ich den noch laufen? Oder habe ich das Gefühl sofort stehen bleiben zu müssen? Wenn nicht, dann laufe ich den Schritt und entscheide so Schritt für Schritt wie weit ich komme. Und so habe ich bisher jede gewünschte Strecke hinter mich gebracht.

Manchmal nehme ich im Studio auch beim HIIT teil: High Intensity Interval Training  – 1 Minute lang wird intensiv ein herausfordernde Übung durchgeführt – anschließend gibt es eine kurze Pause. Michaels Mantra lautet stets: „Es ist nur eine Minute“. Und dieses Mantra hat mich insbesondere letztes Jahr beim Martinslauf den Eselsberg hinaufgetragen. Ich habe mir die ganze Zeit gesagt, dass es nur eine Minute ist, dann geht es wieder bergab. Mittlerweile habe ich das so verinnerlicht, dass ich das Mantra nicht mehr brauchen. Ich weiß ganz genau: Nach der Anspannung kommt ganz sicher wieder die Entspannung. Allerspätestens wenn ich das Ziel erreicht habe und stolz auf die Leistung bin. Und bis dahin erfreue ich mich an der Anspannung. Es ist schließlich Wahnsinn, was mein Körper in dem Moment leistet und dafür bin ich sehr dankbar.

Ein weiterer Aspekt ist die Atmung. Beim Yoga wird durchgängig geatmet. Der Atem führt die Bewegung – der Atem kommt, die Bewegung kommt, die Bewegung geht, der Atem geht. Ein ewiger Rhythmus. Und durch diverse Atemübungen hat sich meine Atmung sehr vertieft. Und so versuche ich auch stets beim Laufen ruhig zu atmen. Ganz besonders wenn es mal einen anstrengenden Berg hinauf geht. In dem Moment brauche ich schließlich die ganze Energie, die mir der Atem schenken kann. Sobald ich spüre, dass ich nicht mehr locker laufe, konzentriere ich mich ganz besonders auf die Atmung und schenke mir ein paar tiefe, bewusste Atemzüge. Besser als jeder Espresso für einen direkten Energiekick! Auch das scheine ich komplett integriert zu haben. Es fällt mir gar nicht mehr auf, dass ich bei langsamen Läufen mittlerweile tatsächlich durch die Nase atme – wie beim Yoga üblich. Mein Laufpartner fragte mich neulich, ob ich durch die Nase atmen würde – und es stimmt! Wenn ich in einem ruhigeren Pulsbereich laufe, atme ich tatsächlich durch die Nase. Gerade bei der aktuellen kalten Witterung ist es sehr angenehm für die Lunge. Bei schnellerem Puls schaffe ich das natürlich auch nicht mehr. Aber es war sehr schön, zu entdecken, dass ich das mittlerweile so integriert habe, dass ich es unbewusst mache.

Apropos Bewusstsein: Im Yoga konzentriert man sich stets auf den Augenblick und ist voll und ganz da. Auch beim Laufen bin ich das immer mehr. Ich genieße den Augenblick: Ich genieße die Umgebung, ich genieße die Vorwärtsbewegung, ich genieße den Atemrhythmus, ich genieße das Rauschen des Windes in meinen Ohren, ich genieße Sonne, Regen oder Wind in meinem Gesicht, ich genieße meinen Herzschlag, der mir zeigt, dass ich lebe und wie stark ich bin, … Ich genieße tatsächlich viele Kleinigkeiten. Ich erlebe sehr viele bewusste Momente und denke immer weniger darüber nach, was vor dem Lauf war oder was nach dem Laufen noch kommt. In diesem Moment gibt es nur mich und den Lauf – eine wunderbare Erfahrung. Ich bin eins mit meinem Bewusstsein. Nicht immer – aber immer öfters.

Danke Yoga 🧘🏼‍♀️ – danke Laufen🏃‍♀️!

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